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Warum Angst und Stress keine Feinde, sondern wichtig für die Entwicklung sind.

  • Autorenbild: frankmitteldorf
    frankmitteldorf
  • 24. Juli
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 25. Juli


Zwei junge Erwachsene im vertrauensvollen Gespräch in einem sonnendurchfluteten Raum zur Veranschaulichung wie psychosoziale Unterstützung bei Angst und Stress wirkt.
Ein wertschätzendes Gespräch mit einem unterstützenden Menschen bremst unsere Angst und Stress, und es stärkt uns mit Mut und Zuversicht. Foto: Frank Mitteldorf (Gemini)

Nichts fürchten und verdrängen wir so sehr wie unsere eigenen Ängste. Und doch ist es genau diese unterschätzte Emotion, die einen entscheidenden Beitrag an unsere persönliche Entwicklung und Entfaltung hat. Ohne Angst und Stress könnten wir die Welt und unseren Platz darin viel weniger begreifen und ausfüllen.


Zu diesem Beitrag inspirierte mich ein weiter unten erwähntes Buch des bekannten Hirnforschers Gerald Hüther, auf das ich recht zufällig stiess. Seine Perspektive auf den Nutzen von Angst und Stress ergänzt psychologische Erkenntnisse und mündet in etwas, das ich in der Praxis auch oft meinen Klienten erkläre. Nämlich, dass Angst eine wichtige Lebensenergie ist, wo es sich lohnt, sie nicht wegzustossen, sondern sich mit ihr anzufreunden. Damit wir die Angst besser verstehen und mit ihr umgehen können.


Der evolutionäre Ursprung: Wie Angst und Stress unser Überleben sicherten.


In der Geschichte der Evolution entwickelte sich die Stressreaktion als lebensnotwendiges Notfallprogramm. Schon früh im Tierreich bildeten sich spezialisierte Nervensysteme, um innere und äußere Signale zu koordinieren. Mit den ersten Wirbeltieren entstand ein biologischer Alarmmechanismus: Bei Gefahr schüttete das Gehirn Botenstoffe aus, die Nebennieren produzierten Stresshormone und der Körper mobilisierte blitzschnell seine letzten Kraftreserven mit dem Ziel, sich gegen Fressfeinde zu behaupten oder sich aus dem Staub zu machen.


Dieses Prinzip gilt bis heute: Unter Stress fokussiert sich der Organismus rein aufs Überleben. Unmittelbar nicht benötigte Funktionen – wie das Immunsystem, die Fortpflanzung oder Regenerationsprozesse – werden vorübergehend heruntergefahren.


Was kurzfristig Rettung bringt, wird bei dauerhaftem Stress ohne Erholungsphasen jedoch problematisch. Es führt zu Erschöpfung, psychosomatischen Beschwerden, psychischen Störungen und letztlich zum Tod. Dennoch war und ist dieser Mechanismus die Triebfeder, die unser Gehirn lernfähig macht und uns an veränderte Umweltbedingungen anpassen lässt.


Was in uns passiert, wenn wir nicht mehr weiterwissen: Kontrollierbarer vs. unkontrollierbarer Stress.


In unserem modernen Alltag begegnen uns zwei grundlegend verschiedene Formen der Stressreaktion:


  • Die kontrollierbare Stressreaktion: Wenn wir vor einer unerwarteten Herausforderung stehen – etwa einem anspruchsvollen Vorstellungsgespräch, wo wir auf dem linken Fuss erwischt werden– setzt Angst als Warnsignal sofort die bekannte biologische Kaskade in Gang: Adrenalin strömt ein, das Herz klopft, der Fokus verengt sich.


    Unser Gehirn rast, da es blitzschnell frühere Erfahrungen nach erprobten Taktiken durchsucht. Ob wir uns verteidigen, ablenken oder gegensteuern: Gelingt es uns, die Situation zu meistern, lässt die Anspannung nach. Das Belohnungssystem schüttet Botenstoffe aus – wir spüren Erleichterung, Selbstwirksamkeit und Zuversicht. Die gemachte Erfahrung macht uns zufrieden, vielleicht auch etwas stolz, und beschwingt unser Selbstvertrauen.


    Damit uns diese Erfahrung später zur Verfügung steht, werden die neuronalen Bahnen gestärkt und mit den emotionalen und körperlichen Wahrnehmungen detailliert abgespeichert.


  • Die unkontrollierbare Stressreaktion: Greifen bisherige Lösungsstrategien nicht mehr – beispielsweise bei einer schmerzhaften Trennung, Jobverlust oder lang anhaltenden Überlastungen –, kippt das System. Das Gehirn ist alarmiert, findet trotz intensiver gedanklicher Kreisläufe keine passenden Antworten.


    Das System schaltet auf Dauerstress um und schüttet vermehrt Cortisol aus. Die anfängliche Angst wandelt sich in Verzweiflung, Ohnmacht und Hilflosigkeit. Unser bisheriges Weltbild und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten geraten arg ins Wanken.


    Doch genau dieser Zustand birgt eine verborgene Chance: Er signalisiert unmissverständlich, dass ein simples Weiter-so nicht mehr möglich ist und tiefgreifendere, neue Wege eingeschlagen werden müssen.


Warum Krisen mit zunehmendem Alter komplexer werden – und wie wir an ihnen wachsen.


In jungen Jahren beziehen sich Krisen meist auf wenige, klar abgrenzbare Lebensbereiche. Mit wachsender Lebens- und Berufserfahrung werden unsere Herausforderungen jedoch vielschichtiger. Wir entwickeln ausgefeilte Strategien, um im Alltag zu reüssieren, und verfestigen erfolgreiche Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsmuster im Gehirn.


Die Kehrseite: Manchmal wähnen wir uns zu sicher, übersehen Warnsignale und manövrieren uns in eine Sackgasse – etwa wenn die Karriere zur Entfremdung von nahestehenden Menschen führt oder wir Warnsignale des Körpers zu lange ignorieren.


Je mehr wir an bisherige Erfolgsrezepte glauben, desto härter trifft uns der Moment, in dem sie versagen. Wir stehen dann gänzlich unvorbereitet im Schlammassel und wissen nicht mehr weiter. Was vielen schwer fällt wird jetzt zu einer kritischen Problemlösungskompetenz: Hilfe annehmen zu können und das Leben neu auszurichten oder unter der Dauerbelastung chronisch zu erkranken.


Das veränderbare Gehirn: Neuroplastizität als Schlüssel zur Veränderung.


Entgegen früherer Annahmen bleibt unser Gehirn bis ins hohe Alter lern- und veränderbar. Das nennt sich Neuroplastizität. Bereits erwähnt wurde, dass die Bewältigung einer kontrollierbaren Stressreaktion die neuronale Gehirnstruktur verändert. Doch aus biologischer Sicht ist die mit starker Angst einhergehende unkontrollierbare Stressreaktion sogar eine der wichtigen Voraussetzungen für echte Transformation:


Die Flut an Stresshormonen, insbesondere Noradrenalin bewirkt, dass fest ausgefahrene, aber aktuell wirkungslose neuronale Bahnen destabilisiert und aufgelöst werden. Erst durch diese vorübergehende Erschütterung gewinnt das Gehirn die Freiheit zurück, alte Verhaltensmuster loszulassen und neue, bisher ungenutzte Denk- und Lösungswege einzuschlagen. Scheinbar unlösbare Probleme relativieren sich oder lassen sich plötzlich aus einem völlig neuen Blickwinkel betrachten und mit neuen Taktiken bewältigen.


Verbundenheit und Mitgefühl: Das wirksamste Gegenmittel gegen die Angst.


Als soziale Wesen sind wir nicht darauf ausgelegt, Krisen rein isoliert zu bewältigen. Schon als Säugling erfuhren wir Beruhigung und Sicherheit durch die Zuwendung der Eltern. Später genügte ein liebevoller Blick oder ein aufmunterndes Lachen, um uns auf unserem Erkundungsweg der Welt sicher zu fühlen – im Wissen, dass wenn etwas schief geht, wir zur sicheren Basis zurückkehren können.


Auch im Erwachsenenalter gilt: Das Gefühl von Geborgenheit, Liebe, Mitgefühl und das Wissen, nicht allein zu sein, bremst die hormonelle Stressreaktion unmittelbar. Ein unterstützendes und wertschätzendes Gespräch mit einem vertrauten Menschen stärkt uns mit Mut und Zuversicht und setzt unsere Selbstheilungskräfte in Gang.


Interessanterweise ist bei uns Menschen, dass unsere Vorstellungskraft zusätzlich in der Lage ist, uns die Angst zu nehmen. Beispielsweise indem wir nur schon wissen, dass eine wichtige Bezugsperson existiert, an uns denkt und für uns da wäre, wenn wir uns melden. Oder indem wir uns mit Ritualen und meditativen Techniken mit unserem Selbst oder etwas Grösserem verbinden.


Es muss aber auch nicht zwingend ein Mensch sein, um dieses mulmige Gefühl zu vertreiben. Auch eine Katze, ein Hund oder anderes Haustier kann uns geben, was wir im Moment brauchen. Ebenso kann uns in solchen Momenten Natur, ein Bild oder ein Song tief berühren und nähren. Überdies lernen immer mehr Menschen sich auch mit Künstlicher Intelligenz zu unterhalten und sich so aktiv die Zuwendung zu holen, die ihnen aktuell gut tut.


Vom biologischen Notfallprogramm zur Quelle persönlicher Reifung.


Angst ist kein Makel und keine Fehlfunktion unseres Systems, sondern ein biologisch gewachsenes Signal, das uns auffordert, über uns hinauszuwachsen. Das Leben verläuft selten geradlinig; es fordert uns immer wieder auf, starre Muster aufzugeben und neue Anpassungsleistungen zu erbringen. Ein ewiger Kreislauf aus Spannung und Entspannung mit dem Ziel, uns in unserer Vielschichtigkeit und Ganzheitlichkeit zu entwickeln und zu entfalten.


Wenn wir lernen, unsere Ängste nicht zu bekämpfen, sondern sie zu verstehen, sowie früher zwischenmenschliche oder professionelle Unterstützung zu mobilisieren und anzunehmen, wird die Stressreaktion vom bedrohlichen Strudel zum Katalysator für ein reifes, geerdetes und selbstbestimmtes Leben.



Stecken Sie aktuell in einer emotional stark belastenden Situation fest oder spüren Sie das Bedürfnis, feste Verhaltensmuster aufzubrechen?


In meiner Praxis für Psychologische Beratung in Zürich begleite ich Sie einfühlsam dabei, Angst als wertvolle Lebensenergie zu nutzen und neue Klarheit zu gewinnen. Nehmen Sie gerne Kontakt auf.





Ich melde mich telefonisch bei Ihnen, damit wir uns unverbindlich und kostenlos abstimmen und einen Termin vereinbaren können.



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